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Über Wikis und andere Erscheinungen auf dem langen Weg zur Weltherrschaft

Die Google-Story: Wikimedia und das Kommunikations-Dilemma

Heute war mal wieder Wikipedia-Tag in der internationalen Online-Fachpresse. Als einer der Pressesprecher des Projektes sollte man sich eigentlich darüber freuen, aber richtige Freude mag bei mir nicht aufkommen. Denn die Geschichte hat einen üblen Beigeschmack – nicht die Nachricht (in der die medial offenbar höchst interessanten Namen Wikipedia und Google auftauchen) an sich, sondern wie sie Verbreitung gefunden hat.

Es begann alles mit einer kurzen Notiz von Angela in einem Wiki. Bei diesem Wiki handelt es sich zwar um ein Angebot der Wikimedia Foundation, aber es ist im Gegensatz zur Offiziellen Website ein echtes Wiki, also ein offenes System, in dem Jedermann schreiben kann.

Mathias Schindler hat den Verlauf der Nachricht dokumentiert: vom Blog über Slashdot bis hin zu deutschsprachigen Medien wie heise online.

Beunruhigend daran sind vor allem zwei Dinge:

  1. Offenbar hat kein einziger Journalist den Inhalt der Meta-Wiki-Seite überprüft, zumindest sind mir keinerlei Rückfragen bei der Wikimedia Foundation oder bei Wikimedia Deutschland bekannt.
  2. Die Wikimedia Foundation hat offenbar keinen Weg, um die Community in Entscheidungen einzubinden, ohne dass das ganze gleich in der Presse breitgetreten wird – Verfälschungen der eigentlichen Information inbegriffen.

Der erste Punkt ist ein Problem, das wohl die Journalisten lösen müssen. Man könnte den Lernprozess eventuell beschleunigen, indem man mal bewusst Falschinformationen im Meta-Wiki einstellt, das ganze in einem Blog zitiert und dann darauf wartet, dass Slashdot das aufgreift (wer auf schnöden Mammon steht, könnte vorher auch noch mit einem Börsenmakler telefonieren). Wer jetzt denkt, sowas sei nicht in Ordnung, möge sich an die Versuche erinnern, Falschinformationen in die Wikipedia einzuschleusen.

Das größere Problem ist allerdings der fehlende vertrauliche Kommunikationskanal zwischen offiziellen Wikimedia-Vertretern und der Community. Wikimedia steckt in einem Dilemma: Einerseits möchte man die Community auch über ungelegte Eier informieren, um sie nach ihrer Meinung zu fragen, andererseits eignen sich einige Themen nicht für die Öffentlichkeit. Ob das für den oben genannten Fall gilt, sei mal dahingestellt. Ich hoffe nur, dass eine eventuelle Zusammenarbeit von diesem – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt ungewollten – Pressewirbel nicht behindert wird.

Die Zeiten, in denen man im Meta-Wiki, auf den Mailinglisten oder im IRC offen und spontan über die Zukunft des Projektes philosophieren konnte, scheinen jedenfalls vorbei. Schade.

Brockhaus klagt über Lexikon-Paparazzi

ach ja, die Presse. Es vergeht ja schon seit Monaten kaum eine Woche, an dem die Wikipedia nicht irgendwo in den Medien auftaucht. An sich ja ganz schön, auch wenn ich mir hin und wieder etwas mehr journalistische Sorgfalt wünschen würde. Aber man gewöhnt sich dran – an den Rummel, an die wiederkehrenden Fragen (Nein, wir haben nichts gegen den Brockhaus, im Gegenteil) und an die Fehler (Wiki ist nicht die Abkürzung von Wikipedia).

Bei der Lektüre des Artikels im heutigen Rheinischen Merkur musste ich dann aber doch stutzen:

Kann man Wikipedia trauen? Setzt sich bei den Diskussionen unter den Autoren am Ende immer das bessere Argument durch?

Der Chef der Brockhaus Duden Neue Medien GmbH glaubt nicht daran. Für Bernd Kreißig bleiben die Wiki-Produkte „spottbillige CDs und DVDs, wie es sie auf den Grabbeltischen schon seit Jahren gibt“.

Hatte ich was verpasst? Sollte der Bernd Kreissig, den ich im Juni in Mannheim als äußerst netten Menschen kennenlernen durfte und der noch im Juli gegenüber dem ZDF sehr schöne Worte (trotz der notwendigen Distanz) für die Wikipedia fand, wirklich eine 180-Grad-Wende vollzogen, den Klassenkampf-Gelüsten der Medien nachgegeben und den Unterschied zwischen einem Wiki und der Wikipedia vergessen haben? Nein, hat er nicht:

Ich habe das aber so nicht gesagt, und es ist auch nicht meine Meinung. Vielmehr habe ich genau umgekehrt zwischen Grabbeltischbilligprodukten einerseits und der Wikipedia andererseits sehr deutlich unterschieden.

Bemerkenswert nicht nur die Klarstellung an sich, sondern auch ihr Ort: die Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia

Dort macht er seinem Ärger über die Berichterstattung ordentlich Luft:

Es handelt sich bei dem Artikel um die Form von Journalismus, die ich im seit mehreren Monaten bestehen Dialog mit Wikimedia-Vertretern als “Lexikon-Paparazzitum” bezeichnet habe. Ein Journalismus, gegen den auch mal ein kleiner Reporter namens Hans Esser angetreten ist. Nämlich das sensationsgierige Aufbauen von Gegensätzen ohne Rücksicht auf das, was dabei vielleicht auch kaputtgehen könnte.

Bis hierhin könnte man das bereits als beachtlich bezeichnen, aber es kommt noch besser:

Im nachfolgenden Posting stelle ich meine Antworten, die ich wirklich gegeben habe, zur Verfügung. Mir ist klar, dass wohl auch diese statements Anlass zum Einspruch geben, aber dann sprechen wir wenigstens über etwas was ich wirklich gesagt habe.

Hut ab für so viel Offenheit!

Wikipedia Fotos

Wikicommons scheint ja inzwischen ganz gut zu laufen, aber MediaWiki ist eigentlich für sowas völlig ungeeignet. Es müsste mindestens
so etwa aussehen (dort bietet sich auch gleich die Gelegenheit, die Chinesichen Wikipedianer mal zu Gesicht zu bekommen). Bei Flickr finden sich auch eine Menge CC-BY-SA-Bilder.

Stellenausschreibung: An Wikipedia-Servern rumschrauben statt Pizza ausfahren

Die Wikimedia Foundation hat ihr erstes – sehr bescheidenes – Stellenangebot veröffentlicht. Wenn Du die Anforderungen

You need to be a geek, but you don’t have to be an absolute expert at everything…

erfüllst, zufällig in Tampa (Florida) wohnst und schon immer mal Lust hattest, an ein paar wirklich gut ausgelasteten Servern rumzuschrauben, ist dieser Job eine hervorragende Alternative zum Pizza-Ausfahren.

Aktuelles vom 21C3

Der 21. Chaos Communication Congress hat begonnen. Über die Aktivitäten der Wikimedia-Gemeinde kann man sich auf dem eigens eingerichteten 21C3-Portal in der Wikipedia informieren. Aktuelle Lebenszeichen sind allerdings nicht zu vernehmen. Ob Tim Starlings Jet-Lag doch ansteckend war? Ob es wohl spät war gestern in der c-base. Ob das Netz im BCC immernoch nicht funktioniert? Fragen über Fragen.

Chaos zwischen den Jahren

Für diejenigen, die noch keine gute Begründung haben, den nachweihnachtlichen Familientreffen oder den Umtauschorgien in den Kommerztempeln zu entfliehen, wird es langsam Zeit. Nicht nur zu diesem Zweck äußerst empfehlenswert ist der alljährliche Chaos Communication Congress vom 27. bis zum 29. Dezember in Berlin. Zu den Usual Suspects zählen beim 21c3 natürlich auch die Mitglieder der Wikipedia-Community.

Neben dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales werden auch Brion Vibber und Tim Starling, beide Core-Entwickler von MediaWiki, interessante Vorträge halten. Auch außerhalb des Vortragsprogramms machen sich Wikipedia & Co. auf dem Kongress des CCC breit, mit einer kuscheligen Info-Ecke und einer MediaWiki-Entwickler-Konferenz.

Mehr als nur Schall und Rauch

Nicht nur die Wikipedia selbst erfreut sich zunehmender Beliebtheit, auch ihr Name wird offenbar immer begehrter. Zu verlockend scheint es, etwas vom Glanz dieses Projektes auf das eigene zu übertragen. So liest man beispielsweise beim Handelsblatt (und mit großer Wahrscheinlichkeit auch in der dieser Meldung zugrundeliegenden Pressemitteilung der Pagedesign GmbH siehe Kommentare) zum Launch der Website woerterbuch.info:

“In Kürze sollen Anwender, ähnlich wie bei dem Online-Lexikon Wikipedia, eigene Wortvorschläge sowie Übersetzungen in das System einbringen können, die nach positiver Prüfung durch ein Redaktionsteam in die Datenbank aufgenommen werden.”

Wo bitte ist bei dieser zweifelhaften Mischung aus dict.cc und Google die Gemeinsamkeit mit der Wikipedia? Man darf gespannt sein, wann das in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Projekt Wikipedia erstmals zur Erklärung eines schnöden Feedback-Formulars herhalten muss.
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