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Das Leben ist ein Wiki

Wer im Glashaus sitzt: SpOn über Wikinews

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Selbst erfahrene Politiker erhalten nach Amtsantritt gewöhnlich 100 Tage Schonfrist, bevor die Presse über sie herzieht. Dass das für erklärtermaßen experimentelle Projekte Freiwilliger offenbar nicht gilt, hatte ich ja schon befürchtet.

Es muss ja nicht jeder so kompetent und wohlwollend über Wikinews berichten wie Torsten Kleinz für heise.de. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Überschrift „Wikinews starten in Deutschland“ formal nicht ganz korrekt ist – schließlich sind die Projekte der Wikimedia Foundation nicht nach Nationen, sondern nach Sprachen organisiert – aber das nur am Rande.

Wirklich Sorgen um den professionellen Journalismus muss man sich aber nach der Lektüre des Artikels über Wikinews bei Spiegel Online machen. Schon bei der Überschrift „Und noch ein Blog…“ greift Frank Patalong daneben. Zum Unterschied zwischen Wikis und Blogs sei dem Autoren das kürzlich erschienene Buch Die heimliche Medienrevolution von Erik Möller empfohlen. Vielleicht hätte er dann auch verstanden, dass ein leeres Wiki noch keine Nachrichtenseite macht. Die entsprechenden Hinweise auf der Hauptseite und im Editorial scheint er gelesen zu haben (immerhin hat er letzteres ausgiebig zitiert), verstanden hat er sie aber offenbar nicht.

Sowas soll vorkommen, aber doch bitte nicht in einem Artikel, der dem Leser einreden möchte, dass nur bezahlte Journalisten gute Journalisten sind. Oder möchte der Autor uns damit unterschwellig mitteilen, dass er sich nicht angemessen bezahlt sieht? So schlecht, dass man auch noch den Namen des kritisierten Projekts falsch schreiben muss, wird die Entlohnung ja wohl nicht sein.

Gerne hätte ich Herrn Patalong und Spiegel Online unter die Arme gegriffen und zumindest die schlimmsten Schnitzer im Artikel korrigiert und zwar ganz ohne jede Bezahlung. Leider suche ich auf spiegel.de immer wieder vergeblich nach dem „Bearbeiten“-Link. Bevor ich aber meine Zeit mit E-Mails verplempere, die anschließend in der SpOn-Redaktion versanden, widme ich mich dann doch lieber wieder unserem bescheidenen Experiment und einigen ebenfalls an der heimlichen Medienrevolution beteiligten Aktivisten zu, die den professionellen Kollegen den einen oder anderen Spiegel vor die Nase halten.

Autor: Arne Klempert

Domestizierter Nerd. Wikimedia Veteran. Digital Strategist.

4 Kommentare

  1. Du suchst doch immer einen Edit-Button: Bei Spiegel.de geht das so: http://www.presroi.de/daily/2003/01/20030119.html

  2. Naja, ganz so unrecht hat der Spiegel-Mensch auch nicht: Denn letztlich besteht die Gefahr, dass die Wikijournalisten (ob ehrenamtlich oder profesionell oder beides) natürlich nur die News wiedergeben, die andere mehr oder weniger mühevoll recherchiert haben – und damit leider Geld verdienen müssen. Das mag bei Bonsaizüchtern noch was anderes sein, wenn die ihre Zuchtergebnisse in die wikipedia stellen. Wenn ich aber drei Monate recherchiere und meine Zeitung mir das auch bezahlt, dann will sie die Geschichte auch selbst bringen. Das Umschreiben ist – denke ich – nur begrenzt ein Verdienst. Natürlich machen das auch Journalisten, aber nicht um so die ganze Zeitung zu füllen.
    Aber mal sehen, vielleicht stehen ja eben bei den Wikinews auch Nachrichten, die nicht von Yahoo.de und anderen Mainstreamern kommen.

  3. So wiederum soll es sein:
    Erdbeben im Raum Freiburg
    aus Wikinews, dem freien Nachrichtenportal
    (Version vom 02:10, 5. Dez 2004)

    Gegen 2.55 Uhr war in Karlruhe ein leichtes Erdbeben zu spüren. Angaben zur Stärke und dem Epizentrum sind noch nicht verfügbar.

  4. Pingback: Der Anhalter

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