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Das Leben ist ein Wiki

Brockhaus klagt über Lexikon-Paparazzi

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ach ja, die Presse. Es vergeht ja schon seit Monaten kaum eine Woche, an dem die Wikipedia nicht irgendwo in den Medien auftaucht. An sich ja ganz schön, auch wenn ich mir hin und wieder etwas mehr journalistische Sorgfalt wünschen würde. Aber man gewöhnt sich dran – an den Rummel, an die wiederkehrenden Fragen (Nein, wir haben nichts gegen den Brockhaus, im Gegenteil) und an die Fehler (Wiki ist nicht die Abkürzung von Wikipedia).

Bei der Lektüre des Artikels im heutigen Rheinischen Merkur musste ich dann aber doch stutzen:

Kann man Wikipedia trauen? Setzt sich bei den Diskussionen unter den Autoren am Ende immer das bessere Argument durch?

Der Chef der Brockhaus Duden Neue Medien GmbH glaubt nicht daran. Für Bernd Kreißig bleiben die Wiki-Produkte „spottbillige CDs und DVDs, wie es sie auf den Grabbeltischen schon seit Jahren gibt“.

Hatte ich was verpasst? Sollte der Bernd Kreissig, den ich im Juni in Mannheim als äußerst netten Menschen kennenlernen durfte und der noch im Juli gegenüber dem ZDF sehr schöne Worte (trotz der notwendigen Distanz) für die Wikipedia fand, wirklich eine 180-Grad-Wende vollzogen, den Klassenkampf-Gelüsten der Medien nachgegeben und den Unterschied zwischen einem Wiki und der Wikipedia vergessen haben? Nein, hat er nicht:

Ich habe das aber so nicht gesagt, und es ist auch nicht meine Meinung. Vielmehr habe ich genau umgekehrt zwischen Grabbeltischbilligprodukten einerseits und der Wikipedia andererseits sehr deutlich unterschieden.

Bemerkenswert nicht nur die Klarstellung an sich, sondern auch ihr Ort: die Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia

Dort macht er seinem Ärger über die Berichterstattung ordentlich Luft:

Es handelt sich bei dem Artikel um die Form von Journalismus, die ich im seit mehreren Monaten bestehen Dialog mit Wikimedia-Vertretern als „Lexikon-Paparazzitum“ bezeichnet habe. Ein Journalismus, gegen den auch mal ein kleiner Reporter namens Hans Esser angetreten ist. Nämlich das sensationsgierige Aufbauen von Gegensätzen ohne Rücksicht auf das, was dabei vielleicht auch kaputtgehen könnte.

Bis hierhin könnte man das bereits als beachtlich bezeichnen, aber es kommt noch besser:

Im nachfolgenden Posting stelle ich meine Antworten, die ich wirklich gegeben habe, zur Verfügung. Mir ist klar, dass wohl auch diese statements Anlass zum Einspruch geben, aber dann sprechen wir wenigstens über etwas was ich wirklich gesagt habe.

Hut ab für so viel Offenheit!

Autor: Arne Klempert

Domestizierter Nerd. Wikimedia Veteran. Digital Strategist.

2 Kommentare

  1. > Hut ab für so viel Offenheit!

    Das kann ich nur unterstreichen. Ich war richtig ueberrascht, als ich die Mail von Herrn Kreissig in der Wikipedia-Mailingliste sah. Dickes Plus auch von mir. :-)

    Ueberhaupt bin ich ueber die gute Brockhaus < -> Wikipedia Beziehung sehr froh – ich denke der Dialog bringt beide Seiten weiter.

  2. Diese Offenheit würde ich mir auch von einigen Wikpedianern, die sich auf das „Feindbild“ Brockhaus fixieren, wünschen…

    Offenheit heisst ja nicht nur gegenseitige Nettigkeit, sondern genauso Konkurrenz, aber eine, die die andere Seite ernst nimmt (vielleicht wird dadurch das Bewusstein für die Komplementariät, das Unvergleichbare der beiden Unternehmen geschärft, was beiden für die weitere Entwicklung nützen könnte).

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